Vom Wind, der wie die Erde sein wollte

Beinahe still, nur ein paar Blätter, die sich in seiner Anwesenheit wogen, der er sacht auf den Schultern einer ihm zugeneigten Buche ruhte. Sehnsüchtig schaute er dem Horizont entgegen, an dem die Sonne in Ekstase den Himmel beschämend mit der Erde verschmolz. Wenn er nur weit genug flöge, konnte er der Sonne dann zuvor kommen und selbst ein Teil seiner geliebten Erde werden? Sein wie Sie, verbunden mit allem, seine Nähe spürend? Betrübt senkte er den Blick, während die Zweige seiner alten Freundin ihn umschlossen und die Blätter wisperten „Du bist nicht allein“. Er lehnte sich zurück und schaute hinauf zu den Wolken, die verschlafen darauf warteten, dass er sie forttrug. Dann fragte er die Buche: „Erzählst du mir von ihr?“

„Sanftmütig, großzügig, gnädig und gleichzeitig beharrlich, stur und fordernd. Sie ist Vieles in ihrer unendlichen Ruhe, sie nährt und hält dich, doch sobald du ihr verfällst, kostet es dich deine Freiheit. Einzig ihrer feurigen Gespielin ist sie nachgiebig, beinahe ergiebig. Denn es ist deren Gegenwart, die ihr Herz zum glühen bringt, ihr die Kraft schenkt, uns zu gebären.“

Er schloss die Augen, atmete schwer, dann löste er sich aus ihrer Umarmung und sauste davon. Er rief zurück: „Pass auf meine schlafenden Schäflein auf, ich werde sie bald abholen“. Er flog der Sonne entgegen, sie zum Duell zu fordern. Laut schrie er es hinaus: „Morgen werde ich dich besiegen, morgen werde ich in ihren Armen liegen. Hörst du?!“. Die Sonne schwieg und wie ein verhöhnendes Lächeln durchbohrte das Schweigen seine Brust. Er ballte die Fäuste und flog noch ein Stück, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Es ärgerte ihn, dass sie so ignorant an ihm vorbei gezogen war und so bemerkte er gar nicht, wie weit er sich vom Land entfernt hatte.

Benommen vor Wut schwebte er teilnahmslos über dem Meer, in dessen Angesicht sich der Träumen verfallene Himmel funkelnd widerspiegelte und dessen Gewand vom Mondlicht silbergrau gefärbt war. Es flüsterte ihm leise Schmeicheleien ins Ohr, umgarnte ihn mit betörender Stimme und er ließ es einen Augenblick gewähren. Dann riss er sich los, viel zu leicht, doch das Meer lachte, es tanzen, seinen Zorn ausnutzend, mit ihm spielend. Wellen schlugen hohe Wogen und dann verschwand das Lachen in der Tiefe.

Er beruhigte sich, senkte seinen Kopf und flog in Richtung Osten, von wo er gekommen war. Schon eine Weile unterwegs, erschöpft vom Zorn und müde vom Tanz mit dem Meer, schlossen sich seine schweren Lider und Tränen liefen seine Wangen hinab. Sie fielen zur Erde und schenkten ihrem noch immer erhitzten Gemüt ein wenig Abkühlung.

Er verirrte sich in Schluchten aus Fels und Geröll, mit verworrenen Bögen, Höhlen und tiefen Abgründen. Während er durch die Felsformationen sauste vernahm plötzlich eine Stimme, ihre Stimme.

„Warum möchtest du sein, was du nicht bist? Warum neidest du blind was du längst besitzt? Du bist mir näher, als du erkennen willst! Du schenkst mir die Luft zum atmen, meine Stimme, treibst mich an und selbst die Sonne, bringst mir den Regen, ohne den ich verdurste und hauchst meinen Kindern das Leben ein. Bleib wer du bist, denn du bist der Wind!“

Wie warm ihre Worte klangen. Aufgerüttelt von ihnen sann er nach und langsam verstand er. Er brauchte nicht besser sein als die Sonne, nicht sein wie sie, um ihr nah zu sein. Ja, er wollte nicht einmal sein wie sie. Was brächten ihm seine Flügel, wenn er nicht fliegen dürfte, was sein Gemüt, wenn er es zügeln müsste. Er wäre nicht mehr er und ohne ihn auch sie nicht mehr sie. Die Erde wäre trostlos und still. Also blieb er der Wind, ungestüm, wild und von niemandem zu halten.

Und wie er so am Horizont entlang flog, gelangte er zurück. Die Sonne weckte den Himmel, der aus seinem Pyjama stieg und die Lichter auf den Straßen löschte. Der Wind konnte sie schon von Weitem sehen, seine liebe Freundin, und seine schlummernden Schäfchen. Er eilte auf sie zu, zerzauste ihr Haar, das kein Blatt mehr stehen blieb. Sie gab sich in den Strom und wie er ihre Arme umschloss, da konnte sie es spüren, er war daheim.

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