Von meinem Versuch der Liebe auf die Spur zu kommen
Angeregt von „Erich Fromm – Die Kunst des Liebens“ ist dies ein nächster Versuch mir selbst die Liebe zu erklären. Ein nächster Versuch, weil ich schon einen in diesem Blog gewagt habe, nur dass ich jetzt ein paar Jahr älter bin und es dieses Mal wissenschaftsphilosophisch versuchen möchte. Ich sage bewusste philosophisch, weil das Studium meiner hier aufgestellten Hypothesen mehrere Jahre in Anspruch nehmen würde. Vermutlich würde allein schon die Recherche der aktuellen Studienlage einige Wochen in Anspruch nehmen. Ich versuche deshalb auch bewusst meine Hypothesen mehr fragend zu formulieren, damit dem geneigten Leser der philosophische Charakter meiner Hypothesen bewusstwird. Denn selbst zum Aufstellen dieser wäre eine solidere Wissensbasis von Nöten.
Was ist Liebe? Lässt Liebe sich auf Biochemie
herunterbrechen? Gibt es einen Unterschied zwischen Liebe und verliebt sein? Und
wie spielt das sexuelle Verlangen mit der Liebe zusammen? Hängen diese
überhaupt zusammen oder vermischen wir nur Dinge, die parallel existieren?
In seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ beschreibt Erich
Fromm die Liebe als Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz und dass
wir uns, dadurch dass wir unserer bewusst sind, wir uns nicht mehr eins mit
unserer Umgebung fühlen und diesen Zustand des Einssein ein Leben lang
anstreben. An vielen Punkten kann ich Fromm nachvollziehen, an einigen nicht.
Aus meiner Sicht betrachtet Fromm die Liebe zu zentral als etwas Duales,
heruntergebrochen auf einen männlichen und weiblichen Pol, den sie benötigt.
Dadurch verbaut er sich selbst die Liebe offener und ganzheitlicher auch über
die Grenzen der menschlichen Existenz zu betrachten, nämlich als zentralen
Mechanismus des Lebens.
Um zu erklären, wie ich das meine, muss ich etwas weiter
ausholen, nämlich zu Beginn des Lebens. Und das Leben beginnt bei einer Zelle.
Die Zelle altert und allein sind alle Prozesse, um dieses Leben aufrecht zu
erhalten mit sehr viel Energieverbrauch verbunden. Um diese Energie
aufzubringen, benötigt die Zelle entsprechende Bedingungen um sich herum,
vereinfacht ausgedrückt Nahrung. Unter entsprechend günstigen
Umgebungsbedingung konnte die Zelle sich leisten zu wachsen bis zu dem Punkt,
an dem es Energieeffizienter war, sich zu teilen. Nun gab es zwei Zellen. Das
nächste Prinzip der Optimierung der Energieeffizient war der Zellverbund und
mit diesem dann auch die Differenzierung der Zellen. Je größer der Zellverbund
und je differenzierter, umso höher die Anzahl der mitwirkenden Mechanismen. Um
die Evolution an dieser Stelle etwas abzukürzen, das Leben strebt danach sich
selbst zu entwickeln und verbessern und das macht es nicht nach Plan, sondern
über Try and Error. Mechanismen, die funktionieren setzen sich durch und können
durchaus auch parallel fortbestehen. Je komplexer das Leben wird, um so
komplexer auch die Mechanismen dahinter. Und so haben sich über Jahrtausende
auch verschiedene Mechanismen der Vermehrung entwickelt und durchgesetzt. Im
Falle der Säugetiere, bei denen sich wirklich sehr viele Dualitätsmechanismen
durchgesetzt haben, unterscheiden wir primär erst einmal zwar zwei
Geschlechter, doch würde es dem Leben selbst widersprechen, würde man es auf
diese Dualität beschränken. Diese Dualität hat sich nur einfach unter den
gegeben Umgebungsbedingungen durchgesetzt. Unter anderen Bedingungen würde das
Leben aber auch andere Möglichkeiten finden sich durchzusetzen. Ein
Konstruiertes Beispiel wäre, dass eines der Geschlechter anfälliger für
Krankheiten wäre und dadurch stark dezimiert würde und sich Varianten
entwickeln müssten den Ausfall eines Geschlechts zu kompensieren, weil sonst
die ganze Art aussterben würde.
Doch was hat das jetzt alles mit Liebe zu tun?
Was wäre, wenn wir Liebe nicht als etwas betrachten, dass
nur uns Menschen inne ist, sondern als einen komplexen Mechanismus des Lebens,
bei dem sich das Leben nicht nur als einzelner Organismus mit
ausdifferenzierten Zellen organisiert, sondern als Verbund mehrerer Organismen,
um noch komplexere Formen des Lebens hervorzubringen, die das Bewusstsein des
einzelnen Organismus übersteigen, so wie im Mikroskopischen der Zelle ihr
Zusammenwirken mit anderen Zellen zu einem Organismus auch nicht bewusst sein
kann. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein solch mächtiger
Mechanismus sich selbst auf eine Dualität beschränken möchte. Und es ist auch
nicht das, wie ich persönlich Liebe wahrnehme.
Ich möchte versuchen mein Verständnis über diesen
Mechanismus und seine unterschiedlichen Aspekte mit folgenden Hypothesen näher
zu erläutern:
Hypothese 1: Unter der Annahme, dass das menschliche Leben
bereits so komplex ist, dass der Organismus für die Entwicklung nicht nur
Monate sondern Jahre benötigt, wäre es da denkbar, dass Liebe die Triebkraft
dafür ist, den Organismus am Leben zu erhalten?
Am Beispiel der Neugeborenen: Das Neugeborene ist allein
noch nicht überlebensfähig. Es ist darauf angewiesen, dass es mit Nahrung, aber
auch kognitivem Input wie, Wärme, Licht, Sprache, Berührung, kurz Zuwendung versorgt
wird, um sich weiterentwickeln zu können. Wer diese Bedürfnisse am
zuverlässigsten erfüllt, zu dem baut das Neugeborene ein prägungsähnliches Verhältnis
auf. Das heißt nicht, dass nicht anderen Personen diese Bedürfnisse auch
erfüllen können. Es erhöht nur die Überlebenschancen des Neugeborenen sich auf
die zuverlässigste Person zu verlassen. Ich frage mich, ob dieses Verhalten nur
einseitig passiert. Prinzipiell sollte jede Person, auf die sich das
Neugeborene theoretischen „prägen“ kann, auch in der Lage sein, diese Aufgabe
anzunehmen und sich der Erfüllung der Bedürfnisse verschreiben können. Wie erwähnt,
mir fehlt augenblicklich die Wissensbasis für konkrete Hypothesen, doch glaube
ich, ob nun durch Pheromone durch das Neugeborene oder einfach die Fähigkeit
der umgebenen Personen empfänglich für die Bedürfnisse dieses sein zu können,
dass auch die Hauptbezugsperson eine stärkere Bindung zu dem Neugeboren aufbaut
als alle anderen Personen. Um diese Hypothese näher zu ergründen, könnte man untersuchen,
ob und wie sich beispielsweise Hirnaktivitäten und Hormonspiegel von Neugeborenem
und Hauptbezugsperson während sie zusammen sind und während sie räumlich
voneinander getrennt sind, verändern. Die Liebe geht an dieser Stelle nicht vom
Neugeborenen aus, sondern primär von der Hauptbezugsperson, die bereit ist sich
den Bedürfnissen des Neugeborenen hinzugeben.
Hypothese 2: Unter der Annahme, dass das Leben nach
Weiterentwicklung im Verbund aus Organismen strebt, wäre es da denkbar, dass
die Liebe die Triebkraft dafür ist, dass die Organismen ein Zusammenleben
anstreben, um sich in der Gruppe als Ganzes weiterzuentwickeln?
Fromm beschreibt die reife Liebe vor allem als eine
Aktivität des Gebens, nicht des Empfangens. Und darin stimme ich mit ihm
überein. In diesem Zusammenhang zitiert er auch aus Marx frühen Schriften „Setze
den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches
voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen
Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, musst du ein künstlerisch
gebildeter Mensch sein, wenn du Einfluß auf andere Menschen ausüben willst,
musst du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch
sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen und zu der Natur muß eine
bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußerung deines
wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen,
das heißt, wenn dein Lieben als Liebe nicht die Gegenliebe produziert, wenn du
durch eine Lebensäußerung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten
Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück.“. In diesem Zitat
steht so viel Unausgesprochenes, das meiner Hypothese der gegenseitigen
Anregung zur Weiterentwicklung dienlich scheint. In einem Umfeld, in dem wir
uns verstanden und wohl fühlen, fällt es uns leichter uns selbst zu entwickeln.
Wenn wir echte Begeisterung für etwas empfinden und diese Begeisterung mit
anderen teilen, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir mit dieser Begeisterung
auch Menschen anstecken, die uns nahestehen. Anders als Fromm glaube ich nicht,
dass dieser Wunsch nach Einheit darauf basiert, dass zwei Pole wieder zu einem werden
wollen, sondern dass das Leben im gleichen Maße wie es nach Einheit strebt auch
nach Diversität strebt, um neues komplexeres Leben zu erschaffen und dass dies
nicht nur ein Dualismus aus männlichem und weiblichem Pol ist. Gleichheit ist
etwas anders als Ähnlichkeit und Diversität etwas anderes als Dualismus. Und
ich kann durchaus vom gleichen Geschlecht sein und doch in einem Menschen so
viel für mein Sein Anregendes entdecken, dass ich möchte, dass dieser Mensch Teil
meines Lebens ist. Weil dieser sich durch das, was ich zu geben habe, selbst
anregen lässt zu geben. Ich glaube, das Maß an Ähnlichkeit zweier Individuen ist
ausschlaggeben dafür, wie empfänglich die beiden füreinander sind. Ein zu hohes
Maß an Ähnlichkeit – ihr Extrem ist die Gleichheit – ist genauso schlecht wie
ein zu geringes Maß an Ähnlichkeit. Ich muss in diesem Zusammenhang immer an den
Titel eines Romans denken, den ich vor sehr langer Zeit gelesen habe und der
für mich den Begriff von Familie geprägt hat: „Zusammen ist man weniger allein“.
Wie wir Gemeinsamkeiten sehen, sehen wir Raum für ein Zusammensein. Je größer die
Anzahl der Organismen in einem solchen Zusammenschluss, um so vielfältiger auch
die Möglichkeiten des Zusammenlebens. Ob nun Familie, Herde, Schwarm, Gesellschaft:
Der Zusammenschluss stellt implizite (zum Teil auch biologisch verankerte) oder
im Fall des Menschen auch explizite (zum Teil contraire zu jeglicher Biologie) Regeln
für das Zusammenleben auf, denen sich jedes Individuum unterwerfen muss, dass Teil
dieses Zusammenschlusses sein möchte. Für diesen Zusammenschluss und das
Bestreben des Erhalts dieses auch unter Regeln, die nicht zwangsläufig im
Interesse des Individuums sind, sehe ich die Liebe als zentralsten und
wichtigsten Mechanismus an.
Hypothese 3: Unter der Annahme, dass das Leben nach Erhalt
und Optimierung strebt, wäre es da denkbar, dass es zur Vermehrung der
Organismen mehrere Mechanismen einsetzt, die optimale Kombinationen begünstigt.
Je mehr ich mich mit diesem Blog-Eintrag beschäftige, umso unwahrscheinlicher erscheint es mir, dass Fromm nicht unlängst wissenschaftlich überholt ist und nicht irgendwer irgendwo all die Gedanken, die ich mir hier erarbeitet habe, schon gemacht hat. Vielleicht lässt sich mein philosophisch hochtrabender „Mechanismus der Liebe“, hormonell ganz einfach auf das Hormon Oxytocin herunterbrechen. Vielleicht basieren aber auch alle Mechanismen auf einen Hormoncocktail, der sich nicht ohne weiteres nur einem Hormon primär zuschreiben lässt. In jedem Fall glaube ich, dass sich unser Verhalten auf biologische Prozesse zurückführen lässt, die nicht allein den Menschen vorbehalten sind und von denen er sich auch nicht aufgrund seiner Selbsterkenntnis gegenüber der Natur loslösen kann. Was der Mensch jedoch hervorragend kann, ist diese Biologie zu verleugnen, um in letzter Konsequenz mit den Folgen dieser leben zu müssen.
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