Von verlorengegangener Nähe

„Wann hat sich eigentlich alles so verändert?“ fragt mich meine Mutter, als ich zu Besuch bin, einfach so, ohne Anlass. „Früher ist viel öfter einfach mal so jemand vorbeigekommen oder wir sind einfach mal so drauflosgefahren und haben Bekannte besucht. Heute würde man das nicht mehr tun. Aber ich muss auch gestehen, wenn jetzt einfach so jemand vorbeikommen würde, würde ich mich unwohl fühlen. Und ich habe auch immer das Gefühl, ich würde andere ohne Ankündigung meines Besuchs stören. Es hat ja auch irgendwie jeder immer mit sich zu tun und keine Zeit mehr für andere.“ Die Worte meiner Mutter hallen noch eine ganze Weile in mir nach und verbinden sich in meinem Kopf mit einem Gedanken, den ich aufgegriffen habe, als ich versuchte zu verstehen, warum es mir eigentlich so wichtig ist, schöne Dinge, die ich erlebe, in meinem Status bei Sozial Media zu teilen.

Ich tue das, weil ich diese Dinge mit Menschen teilen möchte, die mir wichtig sind, damit sie teilhaben können an meinem Leben, auch wenn sie selbst zu viel zu tun haben oder zu weit weg sind. Ich möchte, dass diese Menschen mir dadurch nah sein können, auch, wenn sie es physisch nicht sind. Doch Anstelle von Nähe durch gemeinsame Erlebnisse oder zumindest ein Gespräch über das Erlebte, teilen wir nur Eindrücke – und mehr als das kann es ohne das Erleben oder Erzählen nicht sein – in Form von Beiträgen und lassen diese dann auch noch bewerten. Als müsste alles, was wir Erleben bewertet werden, oder überhaupt einen Wert haben, wie eine Ware. Aus Dialog und Nähe wird Monolog und ungewollt auch Distanz. Aus dem Bedürfnis heraus sein Leben mit Freunden und Familie zu teilen, die selbst zu eingespannt sind, die Isolation dahinter zu erkennen, wird Raum für Missverständnisse und als wenn das nicht schon genug wäre, haben wir uns diese Art der wertenden Kommunikation auch noch ins reale Leben – ich meine damit das Leben außerhalb des World Wide Web – übernommen.

Wir haben verlernt Angebote von Nähe als solche zu verstehen und kommunizieren viel stärker auf der wertenden Ebene. Mir erscheint es jetzt ganz logisch, dass unsere Kommunikation in ein Ungleichgewicht geraten ist. Wie können wir von anderen noch die Sachebene erwarten, wenn wir uns darauf trainiert haben, eine Bewertung unseres Status zu bekommen. Doch wenn wir von unserem Gegenüber als Sender grundsätzlich eine Bewertung erwarten und uns selbst als Sender ständig in die Lange versetzt sehen, unser Gegenüber bewerten zu müssen, ist die Basis der Kommunikation ja schon anfälliger für Missverständnisse. Wir schwanken zwischen Selbstkritik und Verteidigung, statt offene Kommunikation zuzulassen. Und wenn wir ständig mit einer Abwehrhaltung kommunizieren, um uns selbst vor dem „Nicht gut genug“ zu schützen, wird aus dem Versuch unserer Umwelt mit uns zu interagieren die Angst „nicht stören wollen“.

Doch das ist vermutlich auch nur die halbe Wahrheit und erklärt auch noch nicht, warum niemand mehr Zeit hat. Zeit kann nicht einfach verschwinden, also was ist es, dass uns so sehr einspannt, dass wir keine Zeit mehr füreinander haben? Räumen wir vielleicht unseren Smartphones und Unterhaltungsmedien zu viel Zeit ein? Sind es zu hohe Erwartungen an uns selbst in Beruf, Familie und Freizeit, natürlich gefördert durch das Vergleichs- und Bewertungsdenken aus den sozialen Medien? Ich könnte jetzt nach Studien zu den Ursachen im Netz suchen, doch viel mehr interessiert mich die Frage, wie können wir wieder mehr zueinanderfinden?

Nur darauf habe ich leider noch keine Antwort für mich gefunden. Im Moment fühlen sich alle meine Versuche nur an wie Pflasterkleben: „Ich passe gern auf die Kinder auf, sagt einfach Bescheid.“, „Melde dich, wenn du Lust hast etwas zusammen zu unternehmen. Ich verbringe gerne Zeit mit dir.“, „Nein, du musst nicht für mich aufräumen. Du bist mir wichtig, nicht deine Wohnung.“…

Naja, zumindest mit meinen Eltern konnte ich eine kleine, wenn auch nicht spontane Abmachung vereinbaren. Jeder erste Freitag im Monat gehört nun Ihnen, ganz ohne Anlass, nur Zeit zusammen verbringen, wo auch immer. Und an den anderen Freitagen ruf ich an, das funktioniert besser als „Mama, ruf einfach an, wenn dir danach ist, wir sind fast jeden Abend eh zuhause.“

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