Vom ‚profesor de trabajo‘ zum Zerfall der Murmelwährung
Tag zwei meines Spanisch-Intensivkurses, wir sollen Kontakt-Anzeigen schreiben. Wir haben ein paar Vorlagen und so stückeln sich die meisten Teilnehmer etwas zusammen aus den Beispielen. Etwas individueller wird es erst bei den ausgedachten Berufen. Warum auch immer wollte Lucas dann unbedingt „Professor der Arbeit“ sein. Ein Schmunzeln geht durch den Raum und jemand sagt: „So etwas gibt es doch höchstens in Griechenland!“.
Dieses Herumgealbere animiert unseren Spanisch-Lehrer von der Privat-Schule zu erzählen, an der er arbeitet. Dort hätten die Kinder bereits ein Fach „Finanzen“, in dem sie lernen würden, mit Geld umzugehen und was Geld in unserer Welt für eine Bedeutung hat. Ihre klasseninterne Währung sei die Murmel. Es gibt verschiedene Murmeln, einige sind einfarbig bunt, andere haben ein Prisma und wieder andere sind mit Steinen verziert. Mit diesen Murmeln könnten die Kinder dann handeln oder sie gegeneinander tauschen. Einige sind sehr schlau und messen ihren Murmeln durch ihr Aussehen mehr Wert zu und tauschen sie nicht gegen eine, sondern gegen zwei oder mehrere andere Murmeln ein. Unser Lehrer stellt fest, dass bereit unter den Kindern deutlich zu erkennen ist, wer später einmal Geld haben wird und wer es mit vollen Händen zum Fenster hinauswirft. Dann geht der Spanischkurs weiter.
Doch irgendwie lässt mich dieses Experiment nicht los. Ich frag mich, ob es auch Kinder gibt, die so etwas wie Kredit-Murmeln eingeführt haben. Denn die Aussicht auf mehr Murmeln für weniger Arbeit – weil man ja den Kreditnehmer für sich arbeiten lässt, klingt verdammt verlockend. Doch allein die Aussicht durch den Kreditzins Murmeln zu machen, scheint mir dann doch ziemlich riskant. Weil, wenn man einem Kind, das ohnehin schon Murmeln zum Fenster hinauswirft noch zusätzliche leiht, ist die Chance, die Murmeln mit Zinsen wiederzusehen, sehr gering und man bleibt auf seinem „Versprechen“ sitzen. Somit wären wir dann also bei der Kreditwürdigkeit. Es ist also schlauer, einem Kind, das durch seine gute Verhandlungsgeschichte, sein Können, die Murmeln zu vermehren bewiesen hat, Murmeln zu leihen, als dem Verschwender.
Doch noch schlauer wäre es ja jetzt, um selbst nicht ohne Murmeln dazustehen, seinen Murmel-Kredit weiterzuverkaufen? Dann bekommt man eventuell nicht so viele Zins-Murmeln, aber mit etwas Geschick hat man mehr Murmeln als vorher und ist das Risiko los. Dann wiederum kann es einem auch ziemlich egal sein, wie die Kreditwürdigkeit des Kreditnehmers aussieht. Man muss ja nur einen Dummen finden, der einem den Kredit mit Aussicht auf viel Murmelzins abkauft. Als dumme Käufer eignen sich übrigens besonders gut andere verschwenderische Kinder, die glauben, mit der ihnen übertragenen Kreditmacht sehr schlau zu sein. Das kann man ja, weil es so gut funktioniert, auch mit mehreren Krediten so machen. Am Ende könnte man vielleicht das einzige Kind in der Klasse sein, das noch reell Murmeln hat, während die tatsächliche Murmel-Fluktuation durch eine Schulden-Fluktuation ersetzt wird.
Das Ungleichgewicht zwischen den Nutznießern und dem Rest dieses Schuldensystems liegt klar auf der Hand und ist ziemlich gefährlich, wenn man es genau betrachtet. Denn Schulden sind ja keine reellen Murmeln und schon gar keine andere Währung und trotzdem bildet dieses Schuldensystem einen durchfressenen eigenen Kreislauf, der nun Forderungen an den Murmelmillionär nach Murmeln stellt. Natürlich versetzt das den Millionär in die Position systemformende Gegenleistungen zu verlangen, wenn er denn wirklich so schlau ist. Am Ende sind wir also bei einem kranken, korrupten Schuldensystem, das nichts mehr mit dem Murmelsystem, mit der ursprünglichen Idee der Murmelwährung zu tun hat. Ein Hoch auf unsere Murmelwährung!
PS: Vielleicht wäre es jetzt mal an der Zeit, über eine nichtmaterielle Währung nachzudenken, die nicht darauf abzielt, den Gewinn des Einzelnen zu mehren, sondern den des Kollektivs! Eventuell würden wir dann auch nicht mehr so viel Zeit damit verschwenden, über Schulden und Murmeln zu reden und endlich klassentechnisch weiterkommen.
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