Von Fürsorge und Übergriffigkeit

In dem Buch „Vergeude keine Krise“ gibt es den Abschnitt „Kümmerer erzeugen Verkümmerte“. Dieser Abschnitt hat mich ziemlich getroffen. Ich habe beim Lesen erkannt, dass ich ganz oft in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen die Rolle derjenigen einnehme, die sich kümmert. Weil es mir leichtfällt, weil ich vermeintlich Zeit genug dafür habe und weil es mir ganz oft auch einfach ein gutes Gefühl gibt – gebraucht zu werden, nützlich zu sein, sinnstiftend. Vielleicht auch – und diese Erkenntnis finde ich ebenso erschreckend – weil ich dann die Fäden in der Hand halte und vermeintlich die Kontrolle über das Ergebnis bekomme.

Das Sich-um-etwas-oder-jemanden-kümmern ist dabei auch gar nicht das eigentliche Problem, sondern in seiner Grundhaltung sehr sozial. Doch wann ist Fürsorge übergriffig?

Wenn ich selbst etwas als ein Problem identifizieren kann, dann bin ich auch in der Lage über die Lösung dieses Problems nachzudenken. Ob ich allerdings an der Lösung des Problems arbeite, ist meine Entscheidung und niemand darf mir diese abnehmen und erst recht nicht ungefragt und ungebeten zu seiner Aufgabe machen.

Nur weil ich jemandem helfen möchte, habe ich nicht das Recht ihn oder sie mit meiner Hilfsbereitschaft zu übergehen. Doch wie viel Hilfe ist zu viel Hilfe? Hilfe sollte nicht bedeuten, die Lösung des Problems einfach zu übernehmen. Ich möchte mit meiner Hilfe die Autonomie der Person fördern, sie nicht von ihr abhängig machen, selbst wenn sich das für mich gut anfühlt.

Und was ist mit Problemen, die ich erkenne, die Person, die sie hat, aber nicht? Darf ich diese Probleme lösen? Oder noch ein Schritt zurück, darf ich die Person auf ihr Problem aufmerksam machen und Hilfe anbieten? Nicht die Person hat das Problem. Ich glaube nur, dass sie es hat, weil es für mich anstelle der Person ein Problem wäre.

Ein Problem, dass weder der Person selbst noch Dritten schadet, sollte nicht als zu lösendes Problem betrachtet werden. Schwieriger ist es mit Problemen, bei denen die Person sich selbst oder anderen echten Schaden zufügen kann. Doch selbst indirekte Hilfe durch Aufklärung und Vermittlung zusätzlicher Information kann übergriffig verstanden werden, weil ich mit meiner Fürsorge direkt die Grenze meines Gegenübers überschreite.

Doch am Ende wird sich Fürsorge ohne Respekt gegenüber den Grenzen eines anderen Menschen für diesen immer übergriffig anfühlen, egal wie gut es gemeint war.

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