Boa tarde!


Ich habe mich verliebt! In eine Sprache! Portugiesisch! Seit Jahren nun hadere ich mit mir, mich endlich für eine Sprache zu entscheiden, die ich gern lernen würde, zusätzlich zu Englisch – auch wenn ich nicht behaupten möchte, dass mein Englisch bereits gut ist. Da ich beschlossen habe, dass es mit 27 Jahren endlich Zeit ist mal Dinge in Angriff zu nehmen, die ich mich nie getraut oder vor mich hergeschoben habe, ist dieses Jahr auch das Jahr in dem ich mit meiner zweiten richtigen Fremdsprache anfange (Latein zählt irgendwie nicht so richtig und außerdem hab ich auch schon so gut wie alles wieder vergessen).

So wirklich gelingen will mir das mit dem Portugiesisch noch nicht. Aber es hat ja auch niemand gesagt, dass es leicht werden würde, sich einer neuen Sprache allein anzunehmen. Ein paar kleine Ausrufe und unwichtigere Vokabeln wie „o suco“ – „der Saft“ oder „o leite“ – „die Milch“ sind hängengeblieben. Vielleicht weil beim babbel-App die 100 wichtigsten Worte mit den Getränken beginnen. Und trotzdem liebe ich schon jetzt den Klang der Worte, wie sie im Portugiesischen ausgesprochen werden. „o leite“, das o eher wie ein u ausgesprochen und relativ lang, „l“ wie „l“ , „ei“ wie „e“ und „i“ getrennt, das „t“ soll wie ein „t“ im Deutschen, nur unbehaucht – was auch immer das genau bedeuten soll , ausgesprochen werden und dann wieder „e“; die Betonung liegt auf dem „o“ und dem „ei“, „o leite“. In meinem Kopf wird es zu „u leydsche“, was bestimmt nicht richtig ist, aber herrlich klingt und mir Appetit auf ein Glas Milch macht. Allgemein klingt Portugiesisch irgendwie nach Genuss.

Auf dem Weg nach Stuttgart – es zieht mich in den letzten Wochen wieder quer durchs Land – komme ich endlich mal wieder ein wenig zum Lesen. Zug fahren, ab und zu aus dem Fenster gucken und in Ruhe Lesen, das gehört irgendwie zusammen, noch mehr als Zug fahren und Musik hören. Zurzeit lese ich „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier. Es wurde mir von einer Freundin empfohlen, nachdem ich über zu wenig Tiefgang und flache Charaktere in meinen letzten Büchern gejammert hatte. Und ich muss sagen bis jetzt ist es genau das was ich wollte, genau genommen sogar noch viel mehr. Es ist fesselnd, die Charaktere sind weitestgehend echt und die Handlungen der treibenden Person motivierend nachvollziehbar. Darüber hinaus – und das ist eigentlich noch viel schöner, verwendet es nicht die standardisierten Denkansätze – obwohl, das kann ich nicht wirklich beurteilen; es sind nur einfach nicht meine Standard-Denkansätze. Und so sitze ich nun im Zug und lese über einen Mann, der auf der Jagd nach der Identität eines portugiesischen Feingeistes, sein eigenes Leben in Lissabon komplett auf den Kopf stellt, finde mich in tiefgründigen Gedanken wieder oder erweitere meine Ansichten durch die greifbare Lebendigkeit der Figuren in diesem Buch. Dieses Gefühl hatte ich das letzte Mal beim Lesen von „Paris – ein Fest fürs Leben“ von Hemingway, wenn auch auf eine andere Weise, diesen Hunger nach Leben und Neuem.

Und wie ein Wink des Schicksals begegnet mir das Portugiesische jetzt überall. Gut, beim Titel des Buches ist zumindest diese eine Begegnung  nicht ganz unoffensichtlich. Doch gegen Abend, ich sitze in meinem letzten Zug auf diesem Weg nach Stuttgart, setzen sich zwei Frauen schräg gegenüber von mir in eine Sitzgruppe und fangen an lebendig zu diskutieren. Ich verstehe kein Wort, aber desto genauer ich lausche, umso klarer wird es in meinem Kopf, es ist Portugiesisch. Dieser herrliche Klang der Worte, die Genuss und eine Art reifer Leidenschaft ausstrahlen. Ein wenig müde und ein wenig berauscht von dem was ich nicht verstehe, aber so schön finde, steig ich in Stuttgart aus dem Zug, gehe zur U-Bahn und werde nach ein paar Stationen von einer Freundin in Empfang genommen.

Adeus!

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