Vom Fühlen und Reden

Wenn ich eines in all der Zeit gelernt habe, dann das wir großartig darin sind, aneinander vorbeizureden. Deshalb ist richtige Kommunikation so wichtig und obwohl ich schon einiges darüber weiß, fällt es mir unglaublich schwer richtig zu kommunizieren. In meinem Kopf ist immer alles so logisch und eindeutig klar und dann mache ich den Mund auf und kann meinen Mitmenschen nicht mal die Hälfte von dem mitteilen, was ich gerne sagen würde. Beim Schreiben fällt es mir leichter, aber auch hier hängt so viel davon ab, welche Worte ich benutze und was der Leser mit diesen Worten verbindet, wie er sie wahrnimmt, wie er sie interpretiert. Und da brauchen wir uns nur den letzten Satz anschauen: Der Leser! Und natürlich mein ich damit nicht nur die Menschen, die sich dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen, sondern auch alle anderen Menschen, die diesen Text lesen und deshalb versuche ich auch immer, wenn es mir auffällt, in meiner Sprache alle zu inkludieren. Was ich damit eigentlich sagen möchte: Sprache ist ein komplexes Mittel aus Lauten, das uns die Option gibt, uns anderen Wesen mitzuteilen, ohne dass diese sich in unserer unmittelbaren Nähe befinden müssen. Schrift ist eine komplexe Abbildung dieser Laute, die es uns ermöglicht diese zu konservieren und nicht nur in Hörreichweite zu übermitteln, sondern so weit wie es das Trägermedium möglich macht. Sprache und Schrift sind also wahrlich mächtige Instrumente unsere Gedanken mit unserer Umwelt zu teilen. Sie sind so mächtig, dass wir mit Ihnen auch in der Lage sind, ganz einfach zu Lügen. Doch auch ohne diese Werkzeuge der Evolution sind wir in der Lage zu kommunizieren und die Interpretation dieser nonverbalen Kommunikation scheinen viele von uns verlernt zu haben. Diese nonverbale Kommunikation basierend auf Mimik, Gestik und individueller Ausstrahlung, die Kinder ganz instinktiv anwenden. Diese nonverbale Kommunikation ist immer Teil unserer Kommunikation, wenn wir Menschen direkt ansehen können, und lässt sich weniger einfach zu einer Lüge verbiegen als das verbal möglich ist. Und genau diese Art der Kommunikation bezeichne ich als Fühlen. Menschen, die nicht trainiert haben, auch ihre Körpersprache zu kontrollieren – und das ist der Großteil von uns – werden sich über diese nonverbal mit ihrem Gegenüber unterhalten und vieles dieser nehmen wir, wenn auch unterbewusst wahr. Wir fühlen, ob unser Gegenüber gut oder schlecht gelaunt ist, wir fühlen, ob es unsicher oder selbstbewusst ist, wir fühlen, ob es ehrlich zu uns ist oder lügt. Oder zumindest könnten wir das alles fühlen, wenn wir uns nicht so anstrengen würden, es zu verlernen und durch verbale Sprache zu ersetzen. Dabei könnte das Fühlen so viel Stress aus unseren Zwischenmenschliche Beziehungen nehmen.

Wenn man als fühlender Mensch das Glück hat, anderen Menschen zu begegnen, die eine ausgeprägte nonverbal Kommunikation beherrschen (ob nun bewusst oder unbewusst) empfindet man das Zusammensein mit diesen Menschen als sehr angenehmen und leicht. Denn die größte Schwäche der verbalen Kommunikation ist ihre Präzisierung. Um diese Art der Sprache effektiv einzusetzen, müssen wir nicht nur in Worte fassen, was wir selbst möchten, sondern auch noch die Worte wählen, die unser gegenüber versteht. Das kostet uns Energie, die wir nicht aufwenden müssten, wenn wir nonverbal kommunizieren würden. Natürlich lässt sich nicht alles nonverbal kommunizieren, aber mehr als wir glauben. Der Nachteil der nonverbalen Kommunikation ist, dass sie sich nicht präzisieren lässt. Doch wenn man buchstäblich nicht versteht, was die nonverbalen Signale des Gegenübers bedeuten sollen, kann das die Kommunikation sogar noch erschweren, wenn wir nonverbale Signale falsch interpretieren. Oder vielleicht sind wir auch sehr gut im Fühlen und dann kommt es zu Problemen, wenn uns unser Gegenüber etwas anderes verbal vermittelt als nonverbal. Doch wie unterscheiden wir zwischen Fehlinterpretation nonverbaler Signale und tatsächlicher verbaler Lüge?

Hierfür zunächst ein eigentlich einfaches Beispiel, um das Ganze zu erläutern:

Ausgangssituation: Zwei Menschen sitzen beim Abendessen zusammen. Es gibt Rührei und die Person, die das Ei zubereitet hat, hat das Salz bei der Zubereitung vergessen. Beim Essen fällt der bekochten Person das fehlende Salz zuerst auf. Die Person verzieht leicht das Gesicht. Der Salzstreuer steht in Griffweite der Person, die gekocht hat.

Szenario 1 (nonverbal): Die Person, die das Rührei gekocht hat, sieht, dass die bekochte Person leicht das Gesicht verzieht und bringt die Gesichtsänderung mit dem Essen in Verbindung. Sie nimmt einen Bissen vom Rührei und merkt, dass sie das Salz vergessen hat. Noch bevor die bekochte Person etwas sagt, reicht sie ihr das Salz.

Szenario 2 (nonverbal): Die Person, die das Rührei gekocht hat, sieht, dass die bekochte Person leicht das Gesicht verzieht und bringt die Gesichtsänderung mit dem Essen in Verbindung. Sie schlussfolgert direkt, dass es der anderen Person nicht schmeckt und reagiert emotional auf eine interpretierte Zurückweisung.

Szenario 3 (gemischt kommunikativ): Die Person, die das Rührei gekocht hat, sieht, dass die bekochte Person leicht das Gesicht verzieht und bringt die Gesichtsänderung mit dem Essen in Verbindung. Sie fragt: „Schmeckt es dir nicht?“ oder „Stimmt etwas nicht mit dem Essen?“
Die bekochte Person antwortet „Das Essen schmeckt fade.“ oder „Ich glaube, du hast das Salz vergessen.“ oder „Mir fehlt etwas Salz am Essen“. Wenn bis dahin die Situation nicht eskaliert ist, könnte die Person, die gekocht hat, der bekochten Person das Salz reichen.

Szenario 4 (gemischt kommunikativ): Die Person, die das Rührei gekocht hat, sieht, dass die bekochte Person leicht das Gesicht verzieht und bringt die Gesichtsänderung mit dem Essen in Verbindung. Sie fragt: „Schmeckt es dir nicht?“ oder „Stimmt etwas nicht mit dem Essen?“. Die bekochte Person antwortet „Nein, schmeckt super.“

Szenario 5 (kommunikationsarm bis verbal): Jeder konzentriert sich nur auf sein Essen. Die Person, die gekocht hat, bemerkt den Gesichtsausdruck der bekochten Person nicht. Vielleicht reicht sie der bekochten Person das Salz, wenn sie das Fehlen selbst bemerkt, oder die bekochte Person bittet um das Salz.

Szenario 6 (kommunikationslos): Jeder konzentriert sich nur auf sein Essen oder den Fernseher, der nebenbei läuft. Die Person, die gekocht hat, bemerkt den Gesichtsausdruck der bekochten Person nicht. Wenn sie das Fehlen des Salzes bemerkt, salzt sie das Essen für sich nach. Die bekochte Person greift umständlich über den Tisch, um sich das Salz zu holen oder steht auf, um es sich zu holen.

Zugegeben ist Szenario 1 ein Ideal der nonverbalen Kommunikation, dass voraussetzt, dass die Person, die kocht zum einen aufmerksam gegenüber ihren Mitmenschen ist und zum anderen selbstreflektiert und vorurteilsfrei. Doch welcher Mensch ist schon ideal. Unsere Schwächen haben nicht nur großen Einfluss darauf, wie wir kommunizieren, sondern auch wie wir etwas wahrnehmen, und eigene Unsicherheiten können dann schnell auch zu Missinterpretationen von Wahrgenommenem wie in Szenario 2 führen. Die meiste zwischenmenschliche Kommunikation läuft in einem Unterszenario von Szenario 3 ab und ihr Ausgang hängt entscheiden, davon ab, wie wir unsere Sätze formulieren. Die Verbalisierung kann uns helfen nonverbale Signale, die wir wahrgenommen haben, richtig einzuordnen. Das setzt aber voraus, dass unser Kommunikationspartner ehrlich zu uns ist. In Szenario 4 steht die Person, die gekocht hat, vor folgendem Dilemma: Sie nimmt nonverbal wahr, dass die bekochte Person mit etwas nicht zufrieden ist (diese verzieht leicht das Gesicht), welches in direktem Widerspruch zu ihrer Aussage, dass es ihr schmeckt, steht. Es könnte sein, dass die bekochte Person lügt, weil sie die Person, die gekocht hat, nicht verletzten möchte. Es könnte auch sein, dass es gar nicht mit dem Essen zusammenhängt und ihr etwas völlig anderes durch den Kopf geht. Doch solange die bekochte Person sich an dieser Stelle nicht der anderen Person öffnet und ihr erklärt, was in ihr vorgeht, fühlt diese nur, dass etwas nicht stimmt und je nach Unsicherheit der Person, die gekocht hat, bezieht sie das Ganze auf sich und ihre Kochkünste oder sie versucht weiter nachzuhaken. Auch Szenario 5 und 6 erscheinen mir nicht unrealistisch, sind aber noch viel schwerer aufzulösen, als  Szenario 2 und 4, auf die ich mich in diesem Artikel konzentrieren möchte. Nur so viel dazu: Kommunikation ob verbal oder nonverbal erfordert die Bereitschaft mit seinem Gegenüber zu interagieren, sich auf sein Gegenüber einzulassen und sich ihm zu öffnen und das geht nicht, wenn wir uns nur auf uns selbst fokussieren oder uns ablenken lassen.

 Je mehr zwei Menschen sich ähneln oder auch je vertrauter zwei Menschen miteinander sind, um so einfacher wird ihnen nonverbale Kommunikation fallen. Voraussetzung für nonverbale Kommunikation ist Aufmerksamkeit, die man z.B. durch Achtsamkeitsübungen erlernen kann, wenn man es möchte. In einer Partnerschaft haben zwei Menschen idealerweise ein ähnliches Maß an Aufmerksamkeit. Das heißt nicht, dass eine Partnerschaft ohne diese Ähnlichkeit nicht funktionieren kann. Die Unterschiedlichkeit muss den beiden dann nur bewusst sein und stellt vor allem den Partner der aufmerksamer ist vor Herausforderungen, mit denen dieser Mensch lernen muss umzugehen, insbesondere, wenn dieser zusätzlich auch ein stärkeres Bedürfnis nach Aufmerksamkeit hat. Der fühlende Mensch aus Szenario 2 sollte also immer erst versuchen verbal seinen nonverbal gewonnenen Eindruck zu hinterfragen, bevor er sich emotional in einem Missverständnis verliert. Das ist leider einfacher gesagt als getan, da das Fühlen nun einmal sehr eng mit den Emotionen verknüpft ist. Szenario 4 lässt sich nicht ohne Bereitschaft des Kommunikationspartners, sich dem fühlenden Menschen zu öffnen, auflösen. Der fühlende Mensch kann versuchen seinen Partner verbal zu ermutigen, sich ihm anzuvertrauen, doch letztendlich bleibt es dem Kommunikationspartner hier überlassen, ob er sich öffnen möchte, oder nicht. Und zu akzeptieren, dass der Partner sich dem fühlenden Menschen nicht öffnen möchte, aus welchen Gründen auch immer, kann sehr schwer sein für den fühlenden Menschen. Geduld, sanfte Beharrlichkeit, Vertrauen und die damit verbundene Zeit, die es benötigt sind dafür erforderlich.

Als fühlende Menschen dürfen wir einfach nicht von allen anderen das gleiche Maß an Aufmerksamkeit erwarten. Jeder nimmt sich und seine Umwelt anders und mit unterschiedlicher Aufmerksamkeit wahr und jeder Mensch entwickelt sich in seinem eigenen Tempo, durch seine eigenen Erfahrungen.  Und das sind nur die Hürden der Kommunikation zwischen zwei Menschen. Je mehr Menschen an einer Kommunikation beteiligt sind, um so schwerer wird es, allen Kommunikationspartnern das gleiche Maß an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Möchte man dann noch unterschiedlichen Kommunikationsthemen gerecht werden, führt das selbst oder gerade für fühlende Menschen schnell zu einer Überforderung, was man sehr gut im Familienkontext beobachten kann.

Ob nun mehr oder weniger fühlender Mensch, uns allen täte es gut mehr Verständnis füreinander aufzubringen, besonders in stressigen Alltagssituationen.

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