Vom kleinen Tweety und der großen Aufregung
Wenn es um Vögel geht, reagiere ich teilweise etwas panisch, das ist halt so bei einer Vogelphobie. So war ich dann heute auch etwas geschockt, einen kleinen gelben, auf den zweiten Blick zugegeben niedlichen, Tweety über der Toilette auf dem Fensterbrett in unserem Badezimmer sitzen zu sehen. Bei geschlossenem Fenster. Meine erste Reaktion also: Panik! Ich verließ das Bad fluchtartig und schmetterte die Tür hinter mir zu. Zum Glück war ich nicht allein in der Wohnung. Denn wie sollte man den Vogel, der seinen direkten Fluchtweg, das Fenster, blockierte, wieder vor dieses bekommen. Ein Kommilitone meines Mitbewohners traute sich ins Bad, den plüschig gefiederten Freund zu befreien. Er schaffte es, das Fenster zu öffnen, Tweety saß mittlerweile auf dem Boden. Jetzt hieß es warten. Ich ging zum Mittagessen. Danach würde das Tier bestimmt verschwunden sein, denn das Fenster war ja nun wieder auf. Nach dem Mittagessen die Entwarnung. Der Vogel hatte das Bad um Zentimeter verlassen und saß auf der Fensterbank draußen vor dem Bad. Leise und behutsam schlich sich mein Mitbewohner ins Bad und schloss das Fenster wieder. Geschafft, endlich wieder Ruhe.
Doch der Vogel verschwand nicht. Aus Minuten wurde Stunden. Er blieb sitzen. Plötzlich wirkte er auf mich auch gar nicht mehr so bedrohlich, eigentlich eher klein und schwach und hilflos. Wie er dasaß, so nun zitternd, das junge plüschig gelbe Gefieder vom Wind zerzaust, steckte er den kleinen Kopf in seinen Kragen. Warum flog er denn nicht weg? Ich bekam schlimmes Mitleid mit dem kleinen Tweety. Was wenn er draußen erfrieren würde? Was wenn er schon die ganze Nacht vor dem Fenster gesessen hatte, weil er sein Zuhause nicht mehr fand und froh war, durch das Fenster, das ich nach dem Duschen geöffnet hatte, in dieses Ur-Instinkt-gewohnte, warme Biotop eintreten zu dürfen. Ich beschloss den Tiernotdienst anzurufen! Eine Frau aus der Tierklinik in Kücknitz meldete sich und erklärte mir, ich solle versuchen, ihn in einen Schuhkarton zu setzen und vorbeizubringen. Ich? Den Vogel anfassen? Plötzlich kam die Angst zurück. Ich würde warten müssen, bis mein Mitbewohner und seine Freunde wieder zurückgekommen wären. Aber er fror doch so der kleine Piepmatz. Ich konnte nicht warten, ich musste handeln. Ich wollte keine Vogelleiche auf meinem Gewissen haben, Angst hin oder her!
Schuhkartons hatte ich ja schließlich genug. Da so ein Schuhkarton aber nicht gerade eine tolle Behausung ist, musste ich ihn erst ein wenig aufmotzen. Zeitung rein, eine Lage Küchenrolle, dann in eine Ecke noch ein wenig zerfetztes Küchenpapier, damit er sich ein kleines Netz bauen konnte und zwecks Futter- und Wasserversorgung zwei Scheiben Biogurke, womit ich ihn hoffentlich nicht töten würde.
Doch wie sollte ich ihn nun von der Fensterbank in den Schuhkarton, dessen Deckel inzwischen auch Luftlöcher hatte, bekommen? Ich wollte ihn nicht verletzten, mich aber auch nicht picken lassen, um dann wieder in Panik zu geraten. Ich beschloss entsprechende Vorkehrungen zu treffen: Ein dicker Winterhandschuh, darüber der gelbe Gummiputzhandschuh. Das zweite Problem, das ich lösen musste, war aber noch, wie ich Zwerg, der man gerade das Badezimmerfenster aufbekommt, bis zu Tweety reichen sollte. Auf den Toilettendeckel stellen? Zu gefährlich! Ich brauchte einen Hocker. Alles präpariert, stellte ich den Schuhkarton auf den Toilettendeckel, mich auf den Hocker und öffnete vorsichtig das Fenster. Durch die milchige Scheibe konnte ich kaum erkennen, ob er sich schon wieder auf den Spalt zubewegte. Ich schaute meiner größten Angst kurz tief in die Augen - mein Herz raste - dann packte ich behutsam zu. Dass Tweety sich nicht ganz freiwillig unbedarft packen lassen würde, hätte ich mir auch früher denken können. Er zappelte! Jetzt nur nicht die Nerven verlieren! Hand in den Schuhkarton, Deckel drauf, langsam loslassen, Hand vorsichtig aber schnell rausziehen.
Tweety analysierte lebhaft seine neue Umgebung. Ich suchte etwas, um den Deckel ein wenig zu beschweren. Man konnte ja nie wissen, welche Bärenkräfte der kleine Vogel wirklich besaß. Nach kurzer Zeit pickte es gegen eine der Seitenwände. Bekam er auch genug Luft hier im Zimmer, durch die Luftlöcher im Deckel? Kurzerhand buchsierte ich den Schuhkarton auf unsere windgeschützte Loggia. Frische Luft hatte er dann auf jeden Fall mehr und notfalls ja die Küchenrollfetzen für ein Nest. Jetzt hieß es warten. Ich schaute noch einmal, wo genau die Tierklink war, um dann zu beschließen, es erst einmal bei der um die Ecke zu versuchen. Weil ich vermutete, dass der kleine Vogel aus der Nachbarschaft stammte und vielleicht dort registriert war. Doch leider würde das noch zwei Stunden dauern, da die Sprechstunde erst ab 16 Uhr began. Ich ging auf den Balkon und lauschte am Karton. Nichts zu hören! Schlief er nur, oder hatte ich ihn tatsächlich mit den Gurken umgebracht, oder mit der ganzen Aufregung. Auch wenn ich nicht minder aufgeregt war, ihn zu retten. Aus dem Problem von Schrödingers Katze wurde Keikis Vogel. Ich hielt die Ungewissheit über den Lebenszustand Tweetys nicht aus. Mein Mitbewohner und seine Freunde waren mittlerweile wieder da und so gängelte ich sie, doch bitte mal nachzugucken, ob er noch lebte, während ich hinter sicherer Scheibe den Vorgang beobachten würde. Puh, er schlief nur, es sei denn, Vögel können mittlerweile stehend sterben.
Dann endlich ist es kurz vor vier, ich ruf bei der Tierklinik um die Ecke an und frag, ob ich Tweety vorbeibringen kann; die Dame am Telefon verneint, also doch zum Tierheim nach Kücknitz. Ich bin aufgeregt und nehme vorsichtig den Karton, mein Mitbewohner fährt mich - lieb von ihm, ich werde ihm nachher das Geld für Herrentunnel und Benzin geben! Kein Mucks aus dem Karton, kein Zappeln, kein Picken. Ich hab Angst, Tweety liegt mit den Füßen nach oben im Karton, wenn wir im Tierheim ankommen, doch will den Karton auch nicht aufmachen. Ein Vogel im Auto kommt bestimmt nicht so gut. Wir sind da. Tweety gibt noch immer kein Lebenszeichen von sich. Dann endlich ein Tierpfleger, ich erzähle meine Geschichte - ohne die Panikattacken - wie einstudiert, während der Pfleger Tweetys Behelfsbehausung öffnet.
Tweety lebt noch und Tweety ist eine Sie, genauer gesagt eine Gouldamadine bzw. auch australischer Prachtfink. Ich glaube nicht, dass Tweety von Australien bis in unser Bad geflogen ist, aber die Vorstellung, dass plötzlich ein australischer Vogel in unserem Bad saß, lässt mich schmunzeln und darüber nachdenken, wie unerwartet und unalltäglich das Leben manchmal sein kann. Jetzt hab ich keine Angst mehr, dass ich Tweety getötet haben könnte und ich bin beruhigt, dass er in guten oder zumindest besseren Händen ist als bei mir. Mach's gut Tweety! Ich drück dir die Daumen, dass dein Besitzer dich sucht und du bald wieder zu Hause bist!





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