Von Rauchern und Nachhaltigkeit


Manchmal frag ich mich, ob es  Nachhaltigkeitsvegetariern mit Fleischessern ähnlich geht  wie mir mit Rauchern. Dieser innere Groll, dem anderen das Schnitzel, das er offensichtlich genießt,  mit jedem Bissen  einfach aus der Hand zu schlagen, aus Ärger über die Ignoranz des anderen.

Beim Wäscheaufhängen auf dem Balkon steigt mir plötzlich dieser ekelhafte Geruch einer Zigarette in die Nase. Unsere Nachbarin raucht mal wieder und telefoniert dabei laut kommentierend: "Echt? Ach, du Schhhhh....eiße (dabei wird sie etwas leiser, denn das sagt man ja nicht)! Nein!". Das denk ich mir in dem Moment auch. Wozu wasche ich eigentlich, wenn meine Sachen bei ihrem Rauchpensum eh in zwei Stunden wieder nach Disko vor 2008 stinken. Wie kann jemand bei den uns eh schon jeden Tag stärker umgebenden Umweltgiften seine Umgebung auch noch mit so unnötigem Genuss von entzündetem Tabak belästigen? Und prompt ärgere ich mich wieder.

In solchen Momenten möchte ich nur noch hinunterrennen und an ihren gesunden - o-Ton auf "gesunden" - Menschenverstand appellieren, doch einfach mit dem Rauchen aufzuhören, weil sie damit nicht nur ihr Krebsrisiko senken, sondern auch mir einen großen Gefallen tun würde. Außerdem spart sie dann bares Geld. Genau genommen könnten Raucher ja auch gleich ihr Geld rauchen, dürfte ähnlich gesund sein, nur vielleicht nicht so gut schmecken, obwohl mir DAS eh ein Rätsel ist.

Ich komme zu dem Schluss, ich hasse rauchende Menschen. Tja, nur leider interessiert das keinen Raucher und so finde ich mich damit ab, verzieh mürrisch das Gesicht und versuche Menschen während des Vorgangs dieser exzessiven Selbstzerstörung aus dem Weg zu gehen.

Dann komme ich auf den Gedanken, mich zu fragen, ob es etwas gibt, das anderen Menschen einen Grund geben könnte, mich für ähnlich ignorant zu halten. Zack, Nachhaltigkeit, schuldig! Nicht erst seit heute appellieren sogenannte Zukunftsforscher an die Gesellschaft, den Prognosen für unseren erdausbeutenden Lebenswandel Glauben zu schenken und endlich etwas zu ändern, damit nachfolgende Generationen nicht vor einem riesigen Haufen Müll hungernd krepieren.

Im letzten Jahrhundert hat sich unser alltägliches Leben durch Technik und Globalisierung zu einem unbegrenzten Schlaraffenland entwickelt, zumindest für uns in der westlichen Welt. Supermärkte direkt um die Ecke, mittlerweile fast schon durchgängig geöffnet,  mit einem Sortiment fern ab jeglicher regionaler Gegebenheit. Was Mensch will, bekommt Mensch oder um ganz dreist einen Werbeslogan zu zitieren: "Einmal hin, alles drin!"

Im letzten Jahr habe ich mich viel mit meinen Ahnen beschäftigt, angefangen bei meinen Großeltern. Leicht schmunzelnd musste ich zunächst einmal den Wandel  der Bedeutung der Frau zu Kenntnis nehmen. Während mein Urgroßvater großmütterlicherseits mütterlicherseits in der Familienchronik den Frauen der Familie kurzangebunden "verheiratet nach ..." noch keine wirkliche Bedeutung beigemessen hat, durfte bereits meine Mutter in einer Generation aufwachsen, in der es fast schon selbstverständlich war, dass auch Frauen studieren.

Aber worauf ich eigentlich hinaus will, dabei habe ich mich auch mit dem Alltag meiner Ahnen beschäftigt. Und der sah nicht jeden Tag Fleisch auf dem Speiseplan vor. Einmal im  Jahr wurde ein Schwein geschlachtet und dabei wurde wirklich alles bis auf die letzte Klaue verwertet. Danach zehrte man ein ganzes Jahr von den Erzeugnissen. Vor allem durch Räuchern und Einwecken wurden Dinge haltbar gemacht. Ein Schwein, für ein Jahr, für eine ganze Familie, abzüglich der Abgaben an die Schlachthelfer. Da muss ich nicht lang rechnen, um festzustellen, dass es nicht jeden Tag Fleisch gegeben haben kann. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht allein schon ein ganzes Schwein an Fleisch im Jahr verdrücke. Zum Glück gab es dann aber noch die höfischen Hühner und eine Kuh; Milch, Butter und Eier gab es also auch das ganze Jahr. Gemüse und Obst blieben  regional, eben alles das, was auch im Garten angebaut werden konnte und über den Winter eingemietet werden konnte. Im Winter also Kartoffeln und Steckrüben. Yeah.

Man muss jetzt jedoch noch dazu wissen, dass Bauern es zu der Zeit noch am besten hatten, eben weil sie vieles selbst erzeugen konnten. Trotz allem kein Vergleich zu heute, wo uns die gebratenen Tauben jeden Tag quasi in den Mund fliegen. Nur dass kaum jemand darüber nachdenkt, außer den Nachhaltigkeitsvegetariern. Und wenn die dann der Ignoranz von Menschen, wie ich oft genug einer in diesem Bezug bin, versuchen,  die Grundlage zu entziehen, bekommen wir schlechte Laune, reagieren trotzig mit Galgenhumor alà  "Nach mir die Sintflut" oder "Palmen für Deutschland" oder verfallen nach kurzer Einsichtsphase doch wieder in den faulen, einfachen  Trott, der uns zu Füßen liegenden Schlaraffereien.

Denn Nachhaltigkeit ist gar nicht so einfach genau genommen. Klar könnte man erst einmal damit beginnen, statt jeden Tag nur ein- oder zweimal in der Woche Fleisch zu essen. Man könnte zumindest schon mal im Supermarkt nur noch Dinge kaufen, die keinen ewig langen Anreiseweg haben, also nur noch Obst und Gemüse aus Deutschland und den Anrainerstaaten. Geht man noch einen Schritt weiter, kauft man bei Anbietern ein, die nur regionale Lebensmittel vertreiben. Aber da geht es eigentlich schon los mit dem Kompliziertwerden. Denn solche Läden liegen meist nicht direkt um die Ecke und man müsste ein wenig Aufwand betreiben, sich die Lebensmittel zu besorgen, allein durch den Weg. Und außerdem sind diese regionalen Lebensmittel auch meistens teuer, weil sie mit den billig produzierten Massen einschlägiger Discountmarken nicht mithalten können.

Und was ist mit Nichtlebensmitteln? Sowas wie Elektronik und Kleidung. Die werden ja nicht in Deutschland hergestellt. Unter welchen Bedingungen ist außerhalb der EU dann auch noch wieder fraglich. Bezieht man alles mit ein, kommt man zum extremen Schluss, entweder werde ich Permakultur-Bauer, halte mir eine Horde Schafe und spinn mir aus der Wolle, die die einmal im Jahr abgeschert bekommen, Garn und stricke meine eigene Kleidung  oder ich lass es einfach alles und leb so gut weiter, wie ich es bis jetzt getan habe, denn ich werde den Weltuntergang ja eh nicht mehr miterleben.

Vielleicht müssen die extremen Nachhaltiger auch einfach mal akzeptieren, dass man jemandem zwar das Problem ins Gedächtnis rufen kann, aber letztendlich jeder sein eigenes Maß finden muss, mit Nachhaltigkeit umzugehen. Und ich muss akzeptieren, dass Raucher auch nur lasterhafte Menschen sind. Und wenn sich das mit dem Raubbau an der Erde noch potenziert, ist es ja eh nicht erstrebenswert länger zu leben.

Kommentare

  1. Um deine Frage am Anfang zu beantworten: Nein. Solange wir nicht unfreiwillig 10% deines Schnitzels essen müssen ist uns Vegetariern das alles komplett egal.

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