Liebe


Was ist das eigentlich? Gibt es sowas überhaupt?

Manchmal erschreckt mich eine Einsicht in einem Traum, von der ich dann geschockt aufwache, daliege und darüber nachgrübele. Heute bin ich genau so aufgewacht, geschockt und grübelnd.

Der Traum selbst war eher belanglos, nicht wirklich spannend, zweifelsohne nichts anderes als eine Reflektion meiner eigenen Sehnsucht, nur eben verstrickt in einen inneren Konflikt:

„Meine Cousine stellt mir jemanden vor und behauptet, ich würde für sein tolles Haus mit dem Audi vor der Garage schwärmen. Ich seufze schwärmerisch, hab aber keine Ahnung wovon sie redet. Wie ich später erfahren soll, sie auch nicht, denn sie kennt sein zuhause nicht. Es war auch nur ein Mittel zum Zweck und das hat funktioniert. Er wird aufmerksam. Er flirtet mit mir und es fühlt sich gut an. Wir tauschen Nummern. Etwas später, nachdem meine Cousine mir diese Verkuppelsaktion gestanden hat, sehen wir uns wieder. Seine Augen flirten noch immer, doch er bleibt reserviert und sagt: „Es tut mir leid!“ und wir betreten beide den Raum hinter ihm, in dem Freunde von ihm sitzen und seine Exfreundin. Eine Bekannte fragt zweifelnd: „Du liebst sie nicht mehr?“, er antwortet: „Ich liebe es nur noch nicht allein aufzuwachen, nicht allein zu sein, aber sie liebe ich nicht mehr.“. Dann ein Blick in meine Richtung, ich spüre, er will sich sicher sein, dass er mich lieben könnte und nicht nur ein Nicht-allein-sein gegen ein anderes Nicht-allein-sein austauscht. In Mails versucht er seiner Exfreundin zu erklären, was er meint. Er setzt mich ins BCC. Als wir uns verabschieden gibt er mir den Schlüssel für seine Wohnung, für später, falls er sich sicher ist.“

Ich wache auf, mein erster Gedanke: Ich habe gerade meinen aktuellen Schwarm im Traum emotional betrogen. Mein zweiter Gedanke: Vielleicht wollte der Mensch aus meinem Traum mir mit dem Blick nicht sagen, dass er sich erst sicher sein muss, mich lieben zu können sondern, dass ich es sein muss. Traumdeuterisch wäre das nur eine logische Konsequenz, da ja jede Person in meinem Traum nur eine Fassette meines Wesens sein soll – puh, ich hab ihn nicht betrogen, meinen Schwarm. Oder doch?

Vielleicht betrüge ich auch einfach mich selbst, zum Beispiel mit dieser Schwärmerei. Aber ist nicht letztendlich jede gewollte potentielle Partnerschaft nur eine Sehnsucht nach einem Nicht-allein-sein? Jedes Kennenlernen und Flirten eine willkommene Option für eine Weile, so kurz sie auch sein mag, nicht allein zu sein? Doch Nicht-allein-sein ist nicht dasselbe wie Liebe, oder? Was ist dann aber Liebe?

Ich glaube, sowas wie das Band zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensjahren kann Liebe sein. Immerhin sind die kleinen Knirpse ja auch vollkommen von jemandem abhängig. Doch dieses Band hängt ja nicht zwangsläufig von der genetischen Verbundenheit ab. Kinder oder vor allem Babies sind prädestiniert dafür geliebt zu werden. Irgendwie degradiert diese Ansicht Liebe jedoch zu einem Mittel zum Zweck und spätestens in der Pubertät wird dieses Band auch heftig auf die Probe gestellt. Und obwohl es im Optimal-Fall nicht reißt wird es doch in jedem Fall gedehnt.

Ist Liebe eine Summe von Gemeinsamkeiten? Oder die Summen von gegenseitigen Abhängigkeiten? Was ist das Mehr am Nicht-allein-sein, was Liebe ausmacht? Vielleicht ist Liebe ja auch das Trotzdem-allein-sein-können, das Ziehen-lassen, das Wohl-wollen ohne das Alleinsein zu bedauern. Ist es das nicht auch, was die Liebe von Eltern ausmacht, ob nun biologisch oder nicht? Sie können einen irgendwann nicht mehr halten, aber sie können einen immer noch unterstützen, das Beste für einen wollen. Und Liebe verbindet sie dann immer wieder, denn wenn man liebt, will man den anderen ja auch gar nicht allein lassen. Doch man könnte es, weil man wüsste, dass der andere auch wieder zurückkommt, weil er da ist, auch wenn er nicht da ist. Und ich glaube, das ist der entscheidende Unterschied zwischen Liebe und Nicht-allein-sein.

Wie weiß man, dass es wirklich Liebe ist und nicht nur Nicht-allein-sein? Was motiviert uns nach Liebe zu jagen? Lässt sie sich jagen? Reicht den meisten nicht schon das Nicht-allein-sein? Würde es mir reichen? Mein Kopf dröhnt. Ich steh auf. Jetzt erst mal eine Milch mit Kaffee.

Guten morgen, Alleinsein.

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