UEFA EURO 2012
Meine Betreuerin für die Masterarbeit fragt mich heute beim Mittagessen: „Schaust du Fußball?“. Die Frage bezieht sich auf die Europameisterschaft, die gerade angefangen hat. Ich antworte: „Jep.“. Etwas wortkarg für meine Verhältnisse, wenn es um Fußball geht, denn ich schau echt gern Fußball. Aber eigentlich kann man immer nur etwas Falsches sagen und deshalb beschränke ich meine Meinungsäußerung zu Spielen lieber auf Familie und enge Freunde, denn ich bin nun mal echt kein Experte und man darf zwar eine Meinung haben, aber letztendlich glaubt im Bezug auf Fußball ja jeder seinen Senf dazugeben zu müssen, da kann man auch einfach mal schweigen.
Grotesker-, widersprüchlicher weise schreib ich jetzt natürlich trotzdem darüber. Aber da wahrscheinlich eh nur meine Familie und engen Freunde diesen Blog lesen ist es ja fast schweigen.
Vor einigen Jahren, genau genommen bei der letzten EM 2008, habe ich schon mal etwas über Fußball geschrieben. Ob Frauen Fußball genauso sehen können wie Männer, hab ich mich damals gefragt und bin zum Schluss gekommen, dass den Frauen letztendlich evolutionsbedingt die Athletik fehlt, mit der Männer diesen Sport ausüben könnten, um Fußball genauso nachvollziehen zu können. Aber eigentlich ist es dämlich es so zu sehen. Ich glaube, ich habe dieses Jahr so viel Fußball wie noch nie in meinen Leben zuvor geguckt. Einen Großteil der Bundesliga-Spiele, DFB-Pokal, Champions League sowieso und ein wenig Europa League, solang es noch deutsche Mannschaften im Turnier gab. Eigentlich geht es mir gar nicht mehr wirklich um eine spezielle Mannschaft, oder darum, wer gewinnt, auch wenn ich natürlich in Turnieren eher den deutschen Mannschaften zugeneigt bin. Es ist auch eigentlich gar nicht so wichtig alles spielerisch so nachvollziehen zu können, wie jemand der Fußball spielt. Denn ob ich nun als Sofa-Pseudo-Experte, Hobby-Kicker, Ex-Spieler oder Profi-Fußballer die sportliche Leistung eines Spielers oder einer ganzen Mannschaft bewundere oder anerkenne, läuft letztendlich aufs Selbe hinaus.
Was ich mich heute frage: Wann ist ein Spiel schlecht? Wenn wenig Tore fallen? Wenn beide Mannschaften mehr passiv als aktiv versuchen Tore zu schießen? Sogenannter Ergebnis-Fußball? Langsame Spiele? Spiele ohne Ballkünstler? Zum Beispiel die Bewertung des Spiels Deutschland gegen Portugal. Ich mochte das Spiel, es war unterhaltsam und spannend und einzelne Spieler haben ihre spielschmückenden Beiträge dazu geleistet. Ob nun unterwegs mit Freunden oder beim Essen mit dem Institut höre ich: „Das Spiel war schlecht“. Ich bin froh, dass ich heute Mittag nicht mehr als „Jep“ zum Fußball gesagt habe.
Warum war das Spiel schlecht? Weil nur ein Tor gefallen ist? Weil die Deutschen Glück hatten, dass der Lattentreffer nicht ins Tor gesprungen ist, sondern nur auf die Torlinie? Und selbst wenn, müsste man dann nicht sagen, die Deutschen waren schlecht? Doch selbst das stimmt nicht. Wir hatten eine geniale Abwehr: Ein Neuer mit einer überragenden Szene, ein Hummels davor der bärenstark ich glaub 86 Prozent aller Zweikämpfe gewonnen hat, ein Boateng der sich förmlich zerrissen hat und Jogis Bringschuld mehr als erbracht hat. Es stimmt ja, dass man generell mit einer Mannschaft nur aus Abwehr keine Spiele gewinnt, aber Deutschland hat ein Tor geschossen und den Portugiesen, die nun wirklich nicht schlecht waren, die Partie ziemlich schwer gemacht.
Ich frage mich auch, was die Menschen um mich erwarten von einer Mannschaft die so nie zusammen spielt. Die Bayern-Spieler hatten schließlich noch ein Champions League-Finale zu spielen und sind erst spät dazu gekommen. Eine Mannschaft funktioniert nicht nach zwei bis drei Wochen perfekt. Hinzu kommt, dass ein Spieler wie Gomez mit Bällen gefüttert werden möchte und Deutschland keinen Robben und Ribery sondern einen Poldi und Müller hat. Aber Khedira-Gomez hat ja dann auch irgendwie geklappt. Schweinsteiger war lang verletzt und ist noch immer nicht in Top-Form. Ich hatte ehrlich gesagt, wenn ich es auch nicht gehofft habe, im Vorfeld erwartet Deutschland verliert. Doch in meinen Augen war es ein schönes Spiel und es ist eine Leistungssteigerung erkennbar und das lässt hoffen. Außerdem wird sich zeigen, wie gut der Rest der Gruppe mit dem Top 2-Weltfußballer der letzten 5 Jahre zurechtkommt. Dieses Spiel, von den Spielen, die ich gesehen habe, liegt nach Spanien – Italien bei mir auf Platz 2 der Fußballunterhaltung dieser EM. Spiele, die ich nicht so ansehnlich fand: Polen – Griechenland, war phasenweise ziemlich zäh und Irland – Kroatien, weil es von irischer Seite mehr ein unkontrollierter Panik-Kick war, aber ich mochte den Regen in HD, das sah nett aus. Überrascht bin ich von den Dänen, die ich vorher aber auch nie wirklich gesehen hatte. Leiden tue ich mit Robben, der eigentlich ein genialer Spieler ist, aber irgendwie grad kaputt zu sein scheint. Ich frage mich ein wenig, ob die Elfer ihn gebrochen haben. Positiv beeindruckt bin ich von den Italienern, die so ganz anders gespielt haben, als es sonst so ihre Art ist. Man möchte beinahe sagen: „Na seht ihr, aktiv Fußball spielen kann auch Spaß machen!“. Der erste Spieltag der Vorrunde ist noch nicht ganz vorbei. Ich freu mich auf Frankreich – England und tippe mal mutig gegen die Quoten bei Ukraine – Schweden. Nicht weil ich Schweden für die bessere Mannschaft halte, sondern weil Fußball letztendlich unberechenbar ist, egal wer die bessere Mannschaft ist und gerade das Fußball so interessant macht. Das und der Zauber einiger Spieler, denen man einfach nur gern beim Spielen zusehen mag.
Meinung Ende, Fußball gucken.
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