Vom Partypatriotismus


Vom Partypatriotismus, dem versteckten Nationalismus im Neoliberalismus, und warum es unglaublich schwer ist, sich überhaupt eine eigene "richtige" Meinung zu einem Thema zu bilden, wenn schon Gesellschaftskritiker sich als verschmähte Herdentiere herausstellen.

Dieser Morgen beginnt mit schwerer Kost zum obligatorischen  Frühstück vor dem Sport. Nicht weil mein Müsli neuerdings Blei-Späne enthält, um mein Training zu maximieren, sondern, weil ich irgendwie auf 3sat gelandet bin und gerade eine Wiederholung von gestern läuft.


Eindeutig eine Kritik am Partypatriotismus. Ganz allgemein gibt es zwei Dinge, die ich nicht mag, Kritiker und die mediale Zerlegung  von Kritikern. Zu Kritikern besteht bei mir eine Art Hass-Liebe, weil sie mich zwingen, mich mit einer Sache auseinander zu setzen, die ich vorher noch nicht so beachtet habe, wie in diesem Fall das neue deutsche Bewusstsein formiert durch die gemeinsame Fußballlust, und über die ich mir dann natürlich gern selbst ein Bild machen würde. Wenn ich faul bin und das bin ich manchmal, weil es ja neben den Geschehnissen in der Welt auch noch mein eigenes Leben gibt, bin ich versucht, die allgemeine mediale Meinung zum Thema anzunehmen. Das ist bei wellenschlagenden Themen wie Thilo Sarrazin oder Günther Gras natürlich herrlich einfach. Zerlegen die Medien den Kritiker, wird schon was dran sein, oder? Und genau das ärgert mich dann aber wieder. Wenn ich gewillt bin die Meinung eines Kritikers zu hinterfragen, wieso dann nicht auch die Meinung der Medien über diesen Kritiker. Zwangsläufig endet sowas oft in einem Konflikt, den ich dann aufgrund zu aufwendiger Informationsbeschaffung unverfälschter Quellen lieber zur Seite schiebe und mich wieder auf mein Leben konzentriere, meinen Mikrokosmus. Deshalb mag ich weder Kritiker noch die mediale Meinungsbildung über diese. Denn ohne die beiden wäre ich gar nicht erst in den Konflikt gekommen, der mir dann das Gefühl gibt, nicht intelligent genug zu sein, um ihn lösen zu können. Natürlich hab ich dann irgendwie doch eine Meinung, aber eben keine, mit der ich öffentlich hausieren gehen würde, aus Scham vor der Unvollständigkeit dieser Meinung.

Nun also Partypatriotismus zum Frühstück. Bin ich Partypatriotin? Jein. Natürlich bin ich für die deutsche Nationalmannschaft und natürlich genieße ich die Stimmung mit meinen Freunden, die Spiele zu schauen und natürlich bin ich dann irgendwie auch in Schwarz-Rot-Gold unterwegs. Aber ich schau mir auch alle anderen Spiele an und bin auch Portugalfan und bewundere Spieler aus nicht nur deutschen Vereinen, wenn sie gut spielen. Allein, weil mich die sportliche Leistung fasziniert. Aber ich kann das Sich-gut-fühlen der Zugehörigkeit zu einer Masse aus Fans nicht leugnen. Das macht mir einerseits Angst und andererseits sehe ich es als natürlich an. Angst macht mir die Tatsache, dass kein Mensch sich von dem Drang nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe wirklich lossagen kann und man wie blind in eine Gruppendynamik hineinschlittern kann, deren Intension nicht zwangsläufig der entspricht, die man nüchtern vertreten würde. Doch in einer Gruppe ist man oft nicht nüchtern, man ist euphorisch und wenn es sich gut anfühlt, wieso aufhören?

In der Tat war mein erster Gedanke nach Sehen dieses Beitrags berichtkritisch: Muss man denn in alles gleich Nationalismus hineindeuten, nur weil wir uns in Deutschland befinden und historisch vorbelastet sind, was Nationalismus betrifft? Machen die nicht schon wieder aus einer Mücke einen Elefanten? Was soll dieses Schwarz-weiß-denken der Grünen Jugend? Und diese Frau Schediwy pickt sich doch für ihr Buch auch wieder nur das heraus, was als gesellschaftskritisch betrachtet werden kann. Denn mit welcher Intension schreibt man so ein Buch? Bestimmt nicht, damit man feststellt: "Mensch, Fußballpatriotismus ist ja ne feine Sache."! Und ich fühl mich ein wenig angegriffen, ich die kleine Partypatriotin. Vielleicht, weil ich mich dabei ertappe, dass ich diese Form von Patriotismus mag, weil ich es nicht gerecht finde, wenn andere Länder patriotisch sein dürfen und in Deutschland gleich der Nationalismus-Stempel rausgeholt wird. Es ist doch außerdem nur Fußball. Und dann kommen da diese Grüne Jugend und eine Sozialpsychologin und wollen uns den Partypatriotismus kaputt machen, weil er eigentlich doch nur Nationalismus ist und wir das Kapitel unserer Geschichte nie wieder aufschlagen wollen.

Dann mache ich Sport und blende das eben Gedachte aus. Die Gedanken kommen unter der Dusche wieder, diesmal selbstkritischer. Was genau habe ich da eigentlich gerade gedacht? "Die wollen uns den Partypatriotismus kaputt machen." Ich muss schlucken, denn genau das ist es doch,  was sie kritisieren, diese Eigendynamik und Verformung des Neoliberalismus:  Von "Zu Gast bei Freunden" hin zu "Bist du nicht für uns, bist du gegen uns", das Kollektivdenken. Wie einfach es wäre,  diesen Schwachpunkt einer blinden Herde auszunutzen. Wie gut das in der Vergangenheit immer wieder geklappt hat. Doch gibt es hier wirklich nur Schwarz oder Weiß? Ist Partypatriotismus verschönter Nationalismus? Kann Patriotismus, auch wenn er sich über Fußball definiert, überhaupt weltoffen sein? Schließt Patriotismus Weltoffenheit nicht letztendlich sogar aus? Denn man ist ja wenn man Fußball patriotisch sieht nur eben für sein Land und da fällt dann schwer zu glauben, dass sportliche Akzeptanz der besseren Mannschaft den Sieg zugesteht. Und was genau ist überhaupt der Grund für diesen neuen Partypatriotismus? Besteht wirklich dieser Zusammenhang zwischen dem Anstieg nationalsozial motivierter Taten, Sarrazin und dem Fußballfan-sein? Wie weit geht der Partypatriotismus und wie blind ist er? Was wohl passieren würde, wenn Jogi Löw zum Sturm auf Italien blasen würde?

Doch es ist ja nicht Jogi Löw,  der in der NewStatesman als "Europe's most dangerous leader" bezeichnet wurde, sondern die liebe Frau Merkel. Aber vielleicht ist ja auch insgeheim die der wahre Drahtzieher hinter dem DFB, fußballbegeistert ist sie ja. Zu gern würde ich jetzt diesen Artikel hinter der Schlagzeile lesen. Nur eine eingeschnappte Reaktion auf den eisernen Sparkurs Frau Merkels in Europa und dass sie eben nicht unbegrenzte Mittel aus der deutschen Staatskasse zur Rettung des Euro zu Verfügung stellt? Von außen lässt es sich eh am besten kritisieren. Erst ein Loch ins Boot bohren und dann mit Schwimmflügeln lachend zusehen, wie es droht unterzugehen.

Die wirtschaftliche Bedeutung Deutschlands in der Welt ist wohl kaum zu missachten. Umso folgenschwerer auch jede Aktion und Reaktion auf der weltpolitischen Bühne. Aber was genau hat nun Fußball damit zu tun? In Griechenland hat man sich noch mehr auf das Spiel gegen die Deutschen gefreut  als umgekehrt. Zeigen wollten sie es den Deutschen; um den Fußball oder im Konkreten die Spielweise der Mannschaft ging es dabei aber gar nicht mehr. Besitzen die Griechen auch diesen ominösen Partypatriotismus oder ist es dort einfach der normale Patriotismus, beinahe Nationalismus, der das gemeinsame "Feindbild" des eisernen aufs Kaputt-sparen drängenden Deutschen formt? Was würde eigentlich passieren, wenn Deutschland Europameister werden würde? Wird das dann auch nur als Spiegel politischer Dominanz in Europa gewertet? Oder geht es dann noch um die tolle sportliche Leistung? Wie vielen Menschen geht es überhaupt um den Sport beim Fußball, in ganz Europa? Fußball ist in Deutschland eine Volkskrankheit. Und das schon vor dem ersten Begreifen dieses Partypatriotismus. In kaum einem Land kann man mehr Geld fürs Fußballspielen verdienen und in kaum einem Land erwarten die Menschen mehr von ihren Vereinen und der Nationalmannschaft als in Deutschland. Da braucht es keine EM oder WM, um zu sehen, wie Menschen sich mit ihrem Verein identifizieren. Doch kaum kommt jemand auf die Idee des Public Viewings, ist es Partypatriotismus, der dem deutschen Nationalbewusstsein neues und kritisch beäugtes Leben einhaucht.

Ich glaube, das wirklich Gefährliche am kollektiven Partypatriotismus ist gar nicht die Identifizierung mit der deutschen Nationalmannschaft, sondern die potenziellen Einflüsse auf die euphorisierten Massen. Doch das ist im Kleinen genauso gefährlich wie im Großen, zum Beispiel bei verfeindete Fanclubs von gegnerischen Vereinen. Und es ist ja nicht so, dass Hooligans während so Großevents zu Hause auf dem Sofa sitzen. Bei denen verschiebt sich dann lediglich ein Schalter im Gehirn von gegen-andere-Vereine auf gegen-andere-Länder. Und das Problem hat nicht nur der deutsche Fußball. Aber vielleicht ist es dann trotzdem, auch wenn man nicht alles genauso schwarz-weiß sehen sollte, gar nicht so schlecht, durch überspitzte kritische Meinungen daran erinnert zu werden, das Nachdenken über sein eigenes Handeln bei all der Euphorie und Gruppendynamik nicht zu vergessen.

Kommentare

  1. Man würde ja denken, dass ich dem 3sat Bericht uneingeschränkt zustimmen würde, tue ich aber auch nicht. Patriotismus, ob mit Party oder ohne, find' ich doof. Ich habe da auch so mein mulmiges Gefühl. Manchmal. Beim Fußball aber eigentlich doch recht selten. Warum? Weil das für mich mit Deutschland, der Nation, gar nichts zu tun hat. Ich glaube, das geht vielen so.

    Deutschland, das sind 22 Spieler und ein Trainer. Das ist Deutschland. Ein Fußballteam. Ich bin Fan dieses Teams, weil es von da kommt, wo ich bin. Ungefähr so bin ich auch ein bisschen St. Pauli Fan, weil die auch aus Hamburg sind, und Vfb Lübeck Fan, weil ich hier wohne. Aber die beiden Vereine spielen mir zu oft, das ernsthaft zu verfolgen ist anstrengend.

    Aber internationale Tourniere sind nur alle zwei Jahre und wenn dann mein Team spielt, dann kleide ich mich in den Vereinsfarben und sage „wir“ wenn ich die 22 Spieler und den Trainer meine. „Wir“ spielen gegen „Italien“, nicht das Land sondern die 22 Spieler und den Trainer, und „wir werden Europameister!“, nicht das Land gegen die anderen Länder sondern mein Team gegen die anderen Teams. Auf die Tische im Audimax klopfen und im Chor mit 500 Leuten „Deutschland!“ rufen hat mit der Nation nichts zu tun.

    Manchmal, wenn die Fans „Sieg“ rufen, ertappe ich mich dabei, wie ich das politisch unkorrekt finde. Dann finde ich mich kurz etwas doof. Natürlich will man, dass Deutschland gewinnt, wir sind ja Fans. „Sieg!“ natürlich, was denn sonst.

    Nun ist in Wirklichkeit natürlich nichts so einfach und was 3sat da analysiert geht sicherlich nicht gänzlich an der Wirklichkeit vorbei. Schon 1954 hieß es „Wir sind jetzt wieder wer!“ und damit meinte man nicht nur sportlich. Der direkte Link zu nationalistischen Straftaten oder Sarazin erscheint mir bestenfalls fragwürdig.

    Meine Theorie: 3sat verwechselt zwei Folgen einer übersehenen Ursache mit einem kausalen Zusammenhang. Der zweite Weltkrieg ging vor 67 Jahren zu Ende. Menschen, die mit einer gehörigen Portion Unverständniss für die Idee, man könnte auf ein Land stolz sein, aufgewachsen sind werden weniger. Ich fühle mich da noch zugehörig, ich habe es nie verstanden, warum jemand Stolz sein kann Deutscher zu sein. Oder Stolz Amerikaner zu sein... oder, oder... Aber es ist 67 Jahre her und wir sind eben wie alle anderen und wenn uns der Schock vor dem, was wir angerichtet haben (und „wir“, das ist jetzt dieses Land und nicht 22 Spieler und ein Trainer), wenn uns der Schock nicht mehr in den Knochen sitzt, dann sind wir wie all die anderen, genau so dumm. Und das ist die Ursache für beides, dafür, dass menschen in Trikots „Deutschland!“ und „Sieg!“ grölen ohne sich was zu schämen aber auch für mehr Nationalismus, für mehr Straftaten, für den Erfolg von Sarrazin. Zahlen um das zu belegen habe ich keine.

    Warum dürfen die auf ihr Land stolz sein und wir nicht? Jeder darf aber keiner sollte. Warum dürfen die patriotisch sein und wir nicht? Jeder darf, aber keiner sollte. Aber mein Fußballteam anfeuern, dass lasse ich mir nicht blöde reden, wir werden nämlich Europameister.

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